Gestern in Palma: Alienmassaker in Holly’s Bar

DAYDIVE Gestern in Palma: Alienmassaker in Holly's Bar

Das Leben schreibt die besten Stories

Ich hatte eine andere Geschichte für heute geplant, aber was mir gestern passiert ist, muss ich Euch erzählen. Eine wahre Geschichte, ein bisschen verrückt und ich hoffe, es gibt Euch ein Lächeln auf die Mundwinkel…
Auch ich bin manchmal genervt und brauche nen Drink, um aus meinem Hausmacher Stress zu entfliehen. Andere Menschen sehen, neue Eindrücke kriegen, feiern, Mensch sein, abschalten.

Bin ich in einer Parallelwelt oder sie?

Ich sitze also mit 2 Freunden an einer Bar in Santa Catalina und wir witzeln herum, als eine junge Blondine hereinwankt. Sah ein bisschen ferngesteuert aus, die kleine. Sie setzt sich neben mich an die Bar und probiert verschiedene Weine und spanische Snacks. Die emotionslose Selbstverständlichkeit, mit der sie zeitlupenartig ihre Snackfinger in meinem Wollschal abwischt, der auf der Bar liegt, irritiert mich. Ich bin zu perplex, um sie drauf hinzuweisen.

Wir werden alle sterben!

Sie ist total abwesend und reagiert filmreif verzögert auf alle visuellen oder akustischen Inputs. Irgendwas stimmt hier nicht. Ich beginne mich zu fragen, ob ihr kleiner Körper gleich aufplatzt und ein zähnefletschender Alien uns innerhalb weniger Augenblicke in dominosteingrosse Stücke reißt? Die Haare strohblond, die Augen eisblau, ich scanne alle mir bekannten Horrorfilmszenen nach Hinweisen auf das eventuell bevorstehende Massaker.

In den richtigen Händen kann alles eine Waffe sein

Zwischendurch überlege ich, wie ich meinen Schal galant aus der Serviettenzone bekomme, um ihn gegebenenfalls auch als Waffe zu nutzen. Mist, auch meine Jacke hängt auf dem Hocker auf ihrer anderen Seite. Keine Chance also, unbemerkt nach zur Abwehr geeigneten Gegenständen zu suchen. Ein Überraschungseffekt so nicht nutzbar. Unterbreche ich diese merkwürdige Szene jetzt und greife zu meiner Jacke oder warte ich bis… Egal, ich muss sowieso dringend aufs Klo. Auf dem Rückweg schnappe ich mir dann meine Jacke und bin vorbereitet.

[Mädels, lest bis zum Ende, es gibt ein Happy End!]

Auf dem Klo überlege ich den massiven Händetrockner vorbereitend von der Wand zu nehmen. Vielleicht kann ich ihn im Kampf irgendwie verwenden. Ich scanne das Herrenklo nach brauchbaren Gegenständen. Ist es stiller geworden, draußen? Ob sie schon fertig ist? Leben die anderen noch? Male mir aus, wie es rot von der Decke tropft und die restlichen Bargäste in Stücken die rote Wand herunterrutschen.

Vorausschauen rettet Leben

Vorsichtig öffne ich die Klotür, und erwarte rotschimmerndes Licht. Nein, kein Massaker. Alle leben noch. Keiner scheint das bevorstehende Massaker zu ahnen. Doch was ist das? Ihr Barhocker ist leer? Stattdessen sehe ich die vermeintliche Aliendame noch aus dem Lokal rausschleichen. Glück gehabt! Überlebt! Na gut, nen letzten Drink, schnell bezahlen und dann ab ins Bett.

Ihr ahnt es sicher schon

Rechnung bestellen, Jacke anziehen, Heimwegvorbereitungen einleiten. Doch nein. Bitte nicht. Nein. Die flachen Hände schuhplattlern hektisch auf den leeren Taschen herum. Da wo die hartgeld- und plastikkartendicke Brieftaschenbeule hingehört, klopfen die Hände auf fassungslose Leere. Nix mit bezahlen. Komplette Brieftasche mit meinem kompletten Metall-, Papier- und Plastikleben verschwunden. Die Hände stechen verzweifelt in alle bekannten Taschen herab. Tasche leer, Tasche leer, Tasche leer… Ich glaube es nicht. Was ist das denn bitte für ein Alien?! Macht sich die Mühe mir Angst zu machen und klaut meine Brieftasche? Wer hat denn bitte DIESES Drehbuch geschrieben?!

Wo mag sie sein? Du musst denken wie sie…

Was tun? Was machen? Durch Santa Catalina laufen und alle Bars abklappern? Komm Sherlock, denk nach, Du musst denken wie sie. Habe aber irgendwie überhaupt keine Lust dazu. Was muss man denn jetzt eigentlich machen? Mir ist noch nie was gestohlen worden, ich bin da totaler Anfänger! Die Aliendame hat der Mama an der Bar wohl gesteckt, dass sie tagsüber bei einem Event in einem nahen Lokal war. Ja und? Was interessieren mich Events vom Vormittag? Meine Brieftasche ist weg, ich muss zur Polizei. Mmpf, was für ein Nervkram.

Spanische Polizei in Englisch, Deutsch und Französisch: tägl. 9 – 15 Uhr

Wenn der Polizist nur Spanisch spricht und der Geschädigte viele Sprachen außer Spanisch, dann wird’s schwierig. Alle anderen Sprachen gibt es bei Palmas Polizei nur zwischen 9 und 15 Uhr. Nachts schlafen die Sprachen. Daher kann ich nur empfehlen, wenn Ihr kein Spanisch sprecht, lasst Euch in Palma nur zwischen 9 und 15 Uhr beklauen. Also keine Anzeige gegen Alien mehr, in dieser Nacht. Ich komme wieder. Morgen zwischen 9 und 15 Uhr. Auf dem Fußweg zurück zum Tatort klopfen und stechen die Hände dann und wann noch unmotiviert nach den leeren Taschen.

Warum ist mir das eigentlich so egal?

Vor ein paar Jahren ist mir mein Personalausweis in der Schweiz auf der Autobahnauffahrt aus dem Auto gesprungen. Ich war irgendwie zu Faul ein Ausweisüberbordmanöver zu fahren und so fuhr ich halt nur mit Reisepass ausgestattet weiter gen Spanien. Ich habe es nicht mal für nötig gehalten, den Ausweis als verloren zu melden. Irgendwie fühlte ich, dass der Ausweis seinen Weg zurück findet. Auch wenn die Autobahnauffahrt jetzt nicht grad der Bereich ist, wo Spaziergänger Ausweise finden. Genau dieses Gefühl hatte ich mit meiner Brieftasche. Sie war zwar nicht da, weg war sie aber auch irgendwie nicht. Mein Ausweis beispielsweise kam nach 2 Monaten im Schweizer Kanton St. Gallen per Post wieder nach Hause. Keine Ahnung, wie die den gefunden haben.

Sherlock Holmes erwachte in mir

Wie auch immer, ich wanderte zurück gen Bar und dachte, ich sollte der Eventlocation vom Vormittag vielleicht mal einen Besuch abstatten. Columbomässig befragte ich das Personal, um kurze Zeit später mit dem Namen der Veranstalterin das Lokal wieder zu verlassen. Ich kontaktierte die Veranstalterin, schilderte die Situation und sherlockte was ich nur konnte. Nun wurde das Gefühl noch stärker, dass ich meine Brieftasche wiedersehen würde. Ich brauchte nur ein Foto von der Aliendame, um die Polizei auf ihre Fährte zu schicken. Mein Beschreibungsvokabular war von“Angst-vor-Außerirdischen“ zu „pöbelnde Hafenkneipe“ gewechselt. Da ggfs. Minderjährige mitlesen, möchte ich diesen Teil nicht ausformulieren.

Ein kurzer Anruf

Ich facebookte mit der Veranstalterin hin und her und nach meiner Beschreibung war die Aliendame demaskiert. Polizei, ich komme, mit Adresse und Bild von der Täterin! Sie wohnt sogar mit der Eventveranstalterin zusammen. Ich hoffe, sie weiß noch was sie mit meiner Brieftasche gemacht hat. Bunte Scheine entfernt und die Hülle achtlos weggeworfen? Kreditkarten verkauft und Ausweise der Mafia verkauft? Entwarnung, in einen kurzen call verpackt: „Hello, I saw your wallet this morning. My flatmate has it however. I’ll call you again when I know what happened…“ Da war es wieder, das Gefühl. Personalausweis weg und doch nicht weg. Manchmal einfach in sich hineinhorchen und vertrauen, dass das gehörte stimmt, egal wie unglaubhaft das klingt. Genau wie mit meiner Brieftasche: weg und doch nicht weg. Sie kommt zurück, sie hat sich nur einen schönen Abend gemacht und auswärts geschlafen. Wie mag es ihr gehen? Wie voll mag sie sein?

Bin ich im Film oder im Traum?

Das Telefon klingelt wieder. Es ist meine Brieftasche. Die Aliendame kann sich nicht erklären wie das passieren konnte, es tut ihr aufrichtig leid und sie möchte mir die Brieftasche persönlich übergeben und sich entschuldigen. Sie will was?!? Hab ich das grad richtig gehört? Okay, in 30 Minuten im Café am Paseo. Ich überlege, was das für eine Nummer ist. Stalkerakquise? Jetzt kennt sie meine Adresse und alle Daten. Meine Ex-Freundin, um mir Sender ins Portemonnaie zu pflanzen? Die Alientheorie habe ich an diesem Punkt bereits wieder verworfen.

Was für eine schöne Geschichte!

Ich erhalte meine Brieftasche wieder. Ich muss mich nicht mit der Polizei herumstressen. Ich muss keine Ämter ablaufen, um Papiere wieder einzusammeln. Mein Plastikgeld kann überwiegend wieder entsperrt werden. Die Diebin kommt reumütig, um sich zu entschuldigen. Wie süß. Ich muss lachen, als ich über die Strasse laufe. Als ich sie treffe, blinzelt sie mich ungläubig mit Ihren stahlblauen Augen an: „You’re laughing, you are not angry?!“ Sie hat sich ausgemalt, ob ich wohl mit der Polizei komme, Scharfschützen auf den umliegenden Dächern oder ob ich sie anbrülle und ordentlich zusammenscheisse. Nein, nichts von alledem, ich finde diese Geschichte einfach großartig. Ich bin so glücklich, dass ich wieder eine schöne Geschichte erlebt habe. Eine Geschichte, die mein Leben bereichert. Add happiness to my life.

Der Beginn einer lustigen Freundschaft

Wir trinken Kaffee, wir freunden uns an. Sie hat keine Ahnung, warum sie das gemacht hat. Statt des 100€ Scheins sind ein 50er, zwei 20er und ein 10er im Portemonnaie. Sie hatte Hunger und hat sich von meinem Geld beim Inder was zu essen gekauft, aber sie hat es wieder reingesteckt. Es tut ihr soo leid. Wir lachen über diese Geschichte. Die kleine Diebin entpuppt sich als sehr lustig. Wir haben uns viel zu erzählen. Wir haben Parallelen. Ich erzähle ihr von den Digitalen Nomaden. Wir sind Freunde auf Facebook. Die Zeit vergeht im Flug. Ich muss noch ins Holly’s, meine Rechnung von gestern Zahlen. Hatte ja kein Geld dabei. Wir verabschieden uns und versprechen uns, dass wir uns bald wieder sehen. Was für eine nette und inspirierende Begegnung. Danke, dafür!

Add happiness to your life

Ja, ich hätte auch anders reagieren können. Ich hätte ihr trotzdem die Polizei auf den Hals hetzen können. Zumindest zwischen 9 und 15 Uhr. Ich hätte sie zusammenbrüllen können oder einfach stehenlassen können. Die eiligst getippten Empfehlungen aus aller Welt gingen von „mit der würd ich Schlitten fahren…“ bis zu „zeig sie trotzdem an…“. Aber irgendwas in mir sagte mir, dass ich ein lustigeres Leben habe, wenn ich mich über diese Geschichte freue. Add happiness to your life. Was für ein Sonnenschein. Wir werden uns bestimmt wieder sehen und bestimmt viel Spass haben. Eine Freundschaft, die mit einem Diebstahl beginnt schreit danach, weitergeführt zu werden, oder?

Habt Ihr auch Situationen, wo Ihr nicht so richtig versteht, warum Ihr völlig gechilled reagiert? Kennt Ihr das Gefühl, wenn objektiv Katastrophe angesagt ist und Ihr mit einem Vertrauen durch den Tag lauft, dass alles gut wird und, dass es gar nicht anders als Gut werden kann? Erzählt mal!

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